Landesweite Ansprache

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  • Meine lieben Chinopen,

    auch wenn es nicht so aussieht, so war Ihre Regierung nicht untätig. Ich habe mich als Wirtschaftsminister mit den Grundlagen unseres Wohlstandes befasst.

    Wir Chinopen haben gegenüber dem Rest der Welt den Vorteil, dass die Berufe des Kaufmanns, des Händlers und des Spediteurs zu unserer chinopischen Sozialisation gehören. Nicht nur seit Jahrhunderten, sondern sogar seit Jahrtausenden genießen diese Berufe hohes Ansehen. Darüber hinaus sind diese Berufe in alten Zeiten und für lange Zeit Staatsämter gewesen. Eine Trennung zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Staat gab es bei uns nie so stringent wie in anderen Nationen.

    Unsere Wirtschaft funktioniert, wie andere Wirtschaften auch: Man tauscht Produktionen gegeneinander bzw. gegen das universelle Tauschmittel des Geldes.
    Doch woher kommt dieses Geld? Welchen Zweck hat es? Und ist es noch von Nutzen?

    Geld entsteht dadurch, dass es verliehen wird. Auch wenn dies einmal anders war, so wird Geld heute aus dem Nichts erschaffen. Diesen Schöpfungsakt dürfen aber nur Banken vornehmen. Allen anderen ist dies bei Strafe verboten. Genauer gesagt: Es wird nicht Geld generiert, sondern Schulden. Geliehenes Geld muss irgendwann zurückgezahlt werden. Das wäre kein Problem, doch es müssen auch Zinsen gezahlt werden. Wenn alles Schulden dieser Welt zurückgezahlt wären, blieben die Schulden übrig. Sie können nicht getilgt werden.

    20 Personen leihen sich jeweils 100 Yuan zu 5 % Zinsen. Sie erhalten also 2000 Yuan. Sie handeln untereinander und tauschen Geld gegen Produkte. 19 zahlen 105 Yuan zurück - 1995 Münzen - und befreien sich von ihren Schulden. Der 20. hat noch 5 Yuan. Er kann seine Schulden nicht begleichen. Er kann nun neue Schulden aufnehmen, den Kredit laufen lassen oder die Insolvenz erklären. Nimmt er neue Schulden auf, gelingt es ihm vielleicht, seine Schulden zu begleichen, aber dann hat ein anderer sie. Wenn er seinen Kredit laufen lässt, kommen zu den zu zahlenden Zinsen noch Zinseszinsen hinzu. Doch irgendwann kommt es zu einer Insolvenz. Das bedeutet, dass der Gläubiger sich andere Werte des Schuldners aneignet, um eine Schuld zu begleichen, die von vornherein niemals beglichen werden konnte.
    Wenn jemand keine liquidierbaren Güter mehr hat, dann wird ihm sein Land und Boden genommen, die er als Sicherheit für den Kredit angegeben hat.

    Über einen längeren Zeitraum wird so Grundbesitz in den Händen derer angesammelt, die Kredite ausgegeben haben.
    In einem solchen System ist ein Crash, eine Insolvenz nicht das Ergebnis eines unvernünftigen oder glücklosen Wirtschaftens, sondern es ist im System angelegt.
    Viele kleine Insolvenzen ereignen sich nahezu täglich, und einige große seltener, doch es ist nicht die Frage, ob ein Crash kommt, sondern nur, wann er kommt.

    Man kann nun sagen: 19 von 20 Personen haben keine Einbußen und den einen Unglücklichen kann man in Kauf nehmen.
    1 von 20 bei einer Bevölkerung von 1 Mrd. Menschen sind aber 50 Mio. Menschen.
    50 Mio., die nichts mehr haben und damit auch nichts mehr zu verlieren haben und jenen gegenüberstehen, die alles haben.

    Das ist einer Regierung, der die Wohlfahrt des ganzen Volkes am Herzen liegt, nicht hinnehmbar.

    Aus diesem Grunde werde ich es in naher Zukunft eine Reform unserer Wirtschaftsordnung anregen.
    Diese Reform wird die folgenden Punkte umfassen:
    1. Die Schaffung eines bedingungsloses Grundeinkommen für jeden einzelnen Chinopen.
    2. Die Reduktion aller Steuern auf eine einzige, die auf jede einmalige oder wiederkehrende finanzielle Mehrung von 25 bis 40 % ohne Ausnahme erhoben wird.
    3. Das Verbot von Zinseszinsen in der heutigen Form.

    Die Vertragsfreiheit wird innerhalb dieser Grenzen beibehalten. Das Grundeinkommen soll das Existenzminimum darstellen und sichern. Wer mehr will, soll Arbeitskraft und Lebenszeit gegen Geld tauschen. Auch wird nicht verboten oder verhindert, dass sich jemand bei einer Bank Geld leihen kann. Die Zinseszinsen in der heutigen Form werden abgeschafft. Zinsen ergehen fortan als Pendant einer Leihgebühr: Leiht man sich 100 Yuan so werden bspw. nach einem Monat 1 Yuan fällig, und das solange, bis die Gesamtsumme getilgt worden ist. Die Vorteile einer einzigen Steuer auf alles steigert die Steuergerechtigkeit, verringert die Bürokratie und schafft mehr Transparenz.
    In Chinopien sind Wirtschaft, Staat und Gesellschaft drei Facetten desselben Volkes. Da jeder Chinope zum Reich gehört, wird auch jedes Unternehmen von Chinopen zum Reich gezählt. Aus diesem Grunde wird die Regierung auch eine Gewinnbeteiligung für alle Angestellten eines Unternehmens einführen.

    Die Vorteile dieser Reform sehen wie folgt aus:
    Die Zinseszinslast wird gemindert. Wachstum muss nicht mehr exponentiell ausgerichtet sein, sondern es wird eine Kreislaufwirtschaft errichtet, die nicht durch Kapitalsteigerung beherrscht wird, sondern von Angebot, Nachfrage, realer Bedarfsdeckung und Nachhaltigkeit. Überproduktion zur Marktschwemme wird unnötig. Dies kann - nach einer gewissen Übergangs- und Gewöhnungszeit von 5 bis 10 Jahren zu einer Wirtschaft führen, die ohne jeden Crash auskommt.
    Das Bedürfnis zu arbeiten, wird bleiben, allein schon aus Langeweile. Es ermöglicht aber auch jedem einzelnen das zu tun, was er am besten kann und kann so sowohl dafür sorgen, dass die Dinge erledigt werden als auch dass die Zivilisation voran gebracht wird.

    Dies sind die Pläne Ihrer Regierung. In den kommenden Tagen werden sich Fachleute dazu äußern.
    Und im nächsten Monat werden Neuwahlen abgehalten. Dann können Sie alle durch Ihre Stimme entscheiden, ob die Reichsregierung dann unter meiner Führung diese Reform umsetzen soll.

    Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit
    und wünsche einen schönen Abend sowie Harmonie und Reichtum für alle.
    Yen Jay
    Reichskanzler - Nán Gōngjué - 8-9-3


    Zhídào dìpíngxiàn
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